Wer durfte in der DDR an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern und unter welchen Bedingungen? Neben staatlich vorgegebenen Gedenknarrativen entwickelten homosexuelle Gruppen eigene Formen des Erinnerns, die öffentlich kaum sichtbar waren.
Der Vortrag widmet sich den Gedenkpraktiken der Lesben in der Kirche, die Mitte der 1980er Jahre Fahrten zur Gedenkstätte Ravensbrück organisierten. Diese Fahrten trugen wesentlich zur historischen Aufarbeitung der Verfolgung lesbischer Frauen im Nationalsozialismus bei. Anhand dieses Beispiels wird gezeigt, wie Erinnerung als kollektive Trauerarbeit, als Praxis des Sichtbarmachens und als politische Handlung verstanden werden kann.
Beleuchtet wird dabei auch die Rolle kirchlicher Räume und lesbisch-schwuler sowie feministischer Netzwerke als zentrale Handlungsspielräume in der DDR. Der Vortrag eröffnet eine Perspektive auf Erinnerungskultur, die Machtverhältnisse des Erinnerns sichtbar macht und zur Diskussion über Ausschlüsse und die Bedeutung marginalisierter Perspektiven für heutige Erinnerungsarbeit einlädt.
Annika Geiser hat ihren Master in Public History abgeschlossen, in dem sie zu lesbischen Gedenkpraktiken in der DDR forschte. Sie ist freiberuflich in der historisch-politischen Bildung in Berlin tätig und derzeit Volontärin im Museum Neukölln.